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Die Mutter aller Straßen

Reisen mit Kindern // Road Trip // USA

Gastautor / Reiseziele / 14. Juli 2016

Ein Traum wird wahr: Mit Kind und Kegel auf der Route 66 einmal quer durch Amerika.

(Gastbeitrag von Matthias Knobloch)

Wer das alte Amerika kennenlernen möchte, der kommt an dieser Straße einfach nicht vorbei. Die Mother Road ist der Highway der Nostalgiker. Die knapp 4.000 Kilometer lange Straße verbindet Chicago mit Santa Monica in Kalifornien und bietet Autofahrern, Bikern und Fans allerhand Einblicke in das, was Manche das ‚gute alte Amerika‘ nennen. So nahmen auch wir vor gut zwei Jahren die Suche nach dem Mythos Route 66 auf.

 

Ford E-450

Mit dem Wohnmobil über die Route 66

Wir, das sind meine Frau, unser Felix, der damals gerade mal ein Jahr alt war, sowie meine Eltern, also Oma und Opa. Wir entschlossen uns, die Mutter aller Straßen mit einem Wohnmobil zu erkunden. Anbieter gibt es in Amerika genug. Unser Hobel war ein nagelneuer (gerademal drei Meilen auf der Uhr) Ford E-450 mit genügend Bums unter der Haube, dass wir es locker von 0 auf 100 in unter 20 Sekunden schafften. Der V-10 Motor war mit 25 Litern auf 100 Kilometern zwar recht durstig aber hey – schließlich fuhren wir nicht die Romantische Straße runter sondern erkundeten die Route 66. Willkommen in Amerika.
An dieser Stelle sollte ich erwähnen, dass ich mit meiner Familie direkt in Chicago lebe und mich daher hier vor Ort nach Möglichkeiten umsah, ein Wohnmobil anzumieten. Zu meiner Verwunderung war eine Buchung über einen deutschen Reiseveranstalter gut und gerne 1.000 Euro günstiger und wurde sogar mit unlimited Miles sowie der Vollausstattung (Geschirr, Bettwäsche, Handtücher usw.) belohnt. Die Anmietung über einen deutschen Reiseveranstalter kann ich also nur empfehlen.

Nachdem wir uns mit dem Haus auf sechs Rädern vertraut gemacht haben ging es auch schon los. Frau, Felix, Oma und Opa – all aboard! Das 10 Meter lange Ungetüm amerikanischer Ingenieurskunst setzte sich dank Automatik ganz harmonisch in Bewegung und schnurrte wie ein gezähmter Tiger über die Straßen von Chicago gemächlich gen Südwesten. Die Route 66 galt als Hoffnungsträger. Schließlich stand sie für das damals noch sehr junge Land vor allem für den Wunsch nach neuen Möglichkeiten, nach Mobilität sowie dem Willen, weiter gen Westen zu ziehen. Und so sind auch wir voller Hoffnung, Neues sowie Altes zu entdecken. Schilder mit dem Hinweis, dass wir uns auf der

historischen Route 66 befinden, lassen verlauten, dass wir uns gerade auf einem Stück amerikanischer Geschichte Richtung Westen bewegen. Man muss nämlich bedenken, dass die Route im eigentlichen Sinne kaum noch existiert. Schließlich wurde sie in den Achtzigern komplett durch Autobahnen ersetzt. Umso grösser ist die Freude, wenn man tatsächlich auf einem Stück der in die Jahre gekommenen Route fahren darf. Und wenn das dann noch mit original Tankstellen, Motels oder gar ganzen Straßenzügen im Stil der Vierziger (oder noch früher) belohnt wird, ist dass das Sahnehäubchen im doch recht geschichtsarmen mittleren Westen.


Hickory Lane Camp Ground

Hickory Lane Camp Ground

Unseren ersten Tag auf der Mother Road beendeten wir kurz vor Springfield. Mehr war an diesem Tag einfach nicht drin. Wir schlugen unser Quartier am Hickory Lane Camp Ground in Atlanta, IL auf. Per Knopfdruck ließ sich die Wohn- und Schaltfläche unseres RV (von Recreational Vehicle) um ca. 40% vergrößern. Somit standen uns ein separates Schlafzimmer (für Oma und Opa), eine Nasszelle, ein extra ‚Raum‘ für die Toilette sowie ein geräumiges Wohnzimmer zur Verfügung. Wer schon mal in Amerika mit einem RV unterwegs war, der weiß, dass die Häuser auf Rädern quasi komplett am Netz hängen. Frischwasser, Abwasser, Kabel TV, Strom… Solange man an einem ‚Full Hook Up‘ Stehplatz nächtigt, mangelt es an nichts. Und bei zwei HD-Fernsehgeräten einer Mikrowelle, Klimaanlage sowie einem Gefrierschrank, der uns immer schön mit Eiswürfeln versorgt hatte, kam trotz des schönen Campingplatzes eigentlich kein Campinggefühl auf. An diesem RV fehlte es eben an nichts. Auch gut.

 

Hot Dog

Cozy Drive In

Springfield lag vor uns. Und wir wussten, dass in Illinois‘ Hauptstadt ein regelrechtes Schmankerl auf uns warten sollte. Jeder Route 66 Tourist kommt am Cozy Dog Drive nicht vorbei. Denn dort wurden der Legende nach die berühmten Corn Dogs, also in Teig frittierte Würstchen am Stiel, erfunden. Leider mussten wir uns das Etablissement von außen ansehen. Denn für das Cozy Dog Drive war der Sonntag ein Ruhetag. Schade. Doch so blieb uns mehr Zeit um uns die Wirkungsstätte von Abraham Lincoln, dem ein eigenes Museum gewidmet ist, näher anzusehen. Außerdem statteten wir dem Präsidenten, der unter anderem die Sklaverei abschaffte, einen Besuch an seinem Grab ab. Gute Übernachtungsmöglichkeiten gibt es auf der Strecke übrigens mehr als genug. Zu empfehlen sind für Camper vor allem die KOA Campingplatze. Hinter Springfield sieht man dann außer Maisfeldern nichts mehr. Willkommen im Mittleren Westen! Über uns der blaue Himmel, vor uns die Skyline von St. Louis und wir cruisen im RV auf einem Monument amerikanischer Zeitgeschichte.

 

Schaukelstuhl

Schaukelstuhl in Fanning

Weiter geht es durch Missouri und vorbei an unzähligen Souvenirshops sowie dem weltgrößten Schaukelstuhl in Fanning. Ob sich hier ein Halt lohnt muss man aber selbst entscheiden. Wenn man den ganzen Kitsch und Klimbim in den sogenannten Outposts einmal ausblendet und entlang der 66 einfach mal mit geöffnetem Fenster die Blicke schweifen lässt, dann merkt man wie einen die Straße auf eine Reise in die Vergangenheit einlädt. Man muss dieser einfach nur folgen: Alte Neonschilder weisen auf Autokinos hin oder laden schlaftrunkene Autofahrer in eins der vielen Motels, welche ohne Zweifel noch aus der Blütezeit der Route 66 gestammt haben müssen. Man muss nicht viel Vorstellungsvermögen haben, um sich auszumalen wie pulsierend das Leben trotz der Einöde entlang der 66 doch gewesen sein musste.

 

 

Hier Flüge in die USA finden!

In Oklahoma ist ein Besuch des OKC Memorial ein Muss. Am 19. April 1995 starben dort aufgrund eines Bombenanschlags von Attentäter Timothy McVeigh 168 Menschen, darunter 19 Kinder.
Vorsicht: Hier bitte den RV vor dem Stadtkern parken. Viele – den Innenstadtbereich eingrenzenden – Brücken sind für die großen Wohnmobile einfach zu niedrig. Als nächstes großes Ziel stand die Cadillac Ranch hinter Amarillo in Texas auf unserem Schirm. Warum ein Künstler ausgerechnet zehn Cadillacs der Heckflossenvariante kopfüber in ein Maisfeld eingrub ist mir bis heute ein Rätsel. Eines ist klar – Ein Besuch lohnt sich zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Und da Felix an diesem Morgen besonders früh wach wurde, durften wir die Ranch im Morgengrauen bestaunen. Die Ranch soll symbolhaft für die große Freiheit stehen, einfach abhauen zu können und sich nichts vorschreiben zu lassen. Ich bin ein Mensch, der Kunst eher skeptisch gegenüber steht – dennoch: man muss es einfach gesehen haben. Gestärkt haben wir uns danach in einem urtypisch amerikanischen Diner am Mittelpunkt der Route 66. In Adrian, Texas, gab es zu Western Omelett und Pecan Pie Geschichte zum Anfassen: altes Mobiliar, klassische Coca Cola Kühlschränke aus den Fünfzigern und eine Jukebox mit Platten von Elvis, Chubby Checker oder den Beach Boys.


Wild-West Stadtkern

Wild-West-Charme in New Mexico

Weiter ging es gen Westen. Links und rechts der Route stehen vermehrt alte und verlassene Tankstellen mit Zapfsäulen, die wohl noch aus den Dreißigern zu stammen schienen. Überhaupt wird die Fahrt ab dem Scheitelpunkt immer spannender. Schließlich fährt man ab New Mexico quasi durch bekannte Gebiete. Auch wenn man noch nie da war – so scheint man die durch überwiegend rote Erde und Felsen geprägte Landschaft aus den meisten Wild West Filmen zu kennen. Wir sind im Cowboyland angekommen. Wir entschlossen uns die Route 66 zu verlassen, um auf der historischen Route (bis in die dreißiger Jahre verlief die Route über Santa Fe) nach Norden abzubiegen. Die Hauptstadt des Bundesstaates New Mexico begrüßt seine Gäste mit charmanten Häusern und einem beeindruckendem Wild-West Stadtkern. Nicht umsonst wird Santa Fe häufig als Filmkulisse für Wild-West Filme ausgewählt. Der von lateinamerikanischen Einflüssen geprägte Marktplatz ist ein beliebter Treffpunkt für junge Künstler und Hippies, die dort auch gerne mal Musik spielen und zum Tanzen einladen.

 

Mein Tipp: Einfach auf der Parkbank niederlassen und die Atmosphäre genießen. Das Nordstück der pre-30iger Route überzeugt im Übrigen durch wunderschöne Wald- und Berglandschaften.

Time to break bad: Wer ein großer Fan von Mr. White aka Heisenberg ist, dem lege ich eine Rast in Albuquerque ans Herz. Dort kann man ihm nämlich ein kleines Stück näher kommen. Entweder man besucht die Filmsets auf eigne Faust oder man bucht eine der vielen organisierten Breaking Bad Rundfahrten.
Weiter geht es und wir überqueren die Grenze zu Arizona. Nun wird es wirklich spannend. Denn ähnlich wie im Kinderfilm ‚Cars‘ verläuft die Mother Road nicht andauernd neben einer Interstate sondern geht gerne auch mal eigene Wege. Und wieder erleben wir History hautnah. Wenn wir mehr Zeit gehabt hätten, dann hätten wir den Ortschaften, welche aufgrund der gebauten Interstates in den Fünfzigern teilweise komplett verlassen wurden, mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Aber an diesem Tag hatten wir ein anderes Ziel vor den Augen.

Auf uns wartete der Petrified Forest National Park (versteinerter Wald) sowie der Painted Desert Nationalpark (farbige Wüste). Beide Nationalparks umfassen runde 380 km2. Aber keine Angst. Hier muss keiner schwitzend durch die Wüste wandern. Denn schließlich sind wir in Amerika und da fährt man durch Nationalparks. Also gab es statt Schweiß und wundgelaufener Füße, Cola samt Eiswürfel vom bordeigenen Kühlschrank. Belohnt wird man trotz des Komforts auch noch: Über 200 Millionen Jahre alte, versteinerte und verkieselte Baumstämme warteten auf unsere staunenden Augen. Entlang der Strecke durch den Nationalpark (der Eintritt ermisst such übrigens an der Größe des Autos – in unserem Fall waren es $20) warten unzählige Haltemöglichkeiten und Aussichtsplattformen auf die Besucher. Von dort hat man den besten Blick auf die bunte Wüste.


Grand Canyon

Grand Canyon

Wer sich nicht ganz von dem Nationalpark verabschieden kann, der kann sich ja auf dem Campingplatz in Holbrook einquartieren. Schließlich zeichnet sich der Ort ebenfalls durch teils versteinerte Baumstämme aus. So war es auch bei uns der Fall. Nach dem Frühstück hieß es wieder: Go West. Und wieder etwas Bekanntes: Aus dem ‚Cars‘ Film begrüßte uns das Wig Wam Motel am Stadtrand von Holbrook. Und überhaupt scheint man das Eine oder Andere schon mal irgendwo in einem Film gesehen zu haben. Wir machten einen Abstecher in den ca. 90 Minuten nördlich der Route (von Flagstaff aus) gelegenen Grand Canyon. Diesem Ziel sollte man einen eigenen Blog widmen. Daher fasse ich mich kurz: Unbedingt besuchen!

 

 

 

Noch immer beeindruckt von dem atemberaubenden Anblick des Grand Canyon erreichten wir Seligman. Wenn man nicht an diesem Ort war, hat man die Route 66 nicht richtig kennengelernt. Der Legende nach waren es die Delgadillo Brüder, die diesen Ort vor dem Schicksal bewahrten, welches anderen Orten entlang der Route leider nicht erspart geblieben ist. Der 1927 geborene Angel Delgadillo ist wohl das bekannteste Aushängeschild des Ortes. Noch heute übt er sein Handwerk als Barber aus und rasiert dem einen oder anderen Touristen noch immer den Bart auf traditionelle Art und Weise. Auch ich wollte mich ihm unters Messer legen, musste mich aber vertrösten lassen, denn schließlich würde „the Guardian“ gerade sein Mittagsschläfchen halten. Seinen Spitznamen hat er übrigens seinem Engagement zu verdanken. Wie bereits erwähnt waren er und sein Bruder sehr aktiv bei

dem Versuch, die Route wieder mit Leben zu füllen und für Touristen attraktiver zu machen. Es sei wohl ihm zu verdanken, dass die Mother Road wieder so aktiv befahren wird. Und der Ort floriert. Viele (historische) Häuser wurden liebevoll hergerichtet und warten entlang der Hauptstraße auf die Besucher. Man sieht es dem Ort regelrecht an: er lebt vom und pulsiert durch den Nostalgietourismus. Wer nach ein paar Wochen in Amerika die deutsche Küche vermisst, kann sich in Lilo’s Café entsprechend stärken. Wer sich nach etwas Süßem wähnt, findet im Snow Cab Drive-In die richtigen Sünden. Kostenlose Bespaßung gibt es dort zum Eis dazu. Apropos Sünde, In Selgiman beschlossen wir die Route 66 ab Kingman zu verlassen um von dort nach Norden gen Las Vegas zu fahren. Somit endete unsere Reise leider nicht dort, wo sie enden sollte, nämlich in Santa Monica, sondern in der Stadt der Sünden.


Ich kann nur jedem USA Fan eine Reise auf der Route ans Herz legen. Abseits von den Metropolen lernt man Land und Leute einfach am besten kennen. Übrigens: Wir haben uns eigens für diese Reise eine Playlist erstellt, welche ich euch nicht vorenthalten möchte (feel free to judge…):

1.    Sufjan Stevens – Chicago
2.    King Cole – Route 66
3.    Bruce Springsteen – Born in the USA
4.    Tom Cochrane – Life is a highway
5.    Neil Diamond – Coming to America
6.    John Denver – Country Roads
7.    Journey – Don’t stop believin’
8.    America – A horse with no name
9.    Roger Miller – King of the road
10.  Tracy Chapman – Fast car
11.   Miley Cyrus – Party in the U.S.A.
12.   Rammstein – Amerika


 


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1 Kommentar

on 15. July 2016

Die Route 66 zu fahren ist schon ein tolles Erlebnis. Waren auch schon öfter dort unterwegs.



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